16. Oktober 2021

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Russlands begehrlicher Blick aufs Rote Meer

Warum sich Russland in letzter Zeit verstärkt im Jemen engagiert und ein Plan aus Zeiten der Sowjetunion neue Aktualität gewinnt.

In letzter Zeit mehren sich die Spekulationen über eine stärkere Rolle Russlands im Jemen. Die international anerkannte Regierung hofft, dass Moskau Druck auf die Huthis ausüben könnte, um den Friedensprozess voranzutreiben.

Diese Entwicklungen werfen jedoch erst einmal mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern: Wie sieht die derzeitige Rolle Russlands im Jemen aus? Strebt Moskau eine bedeutendere Rolle in diesem Land an, so wie es dies in mehreren Regionen des Nahen Ostens – z. B. in Syrien und Libyen – tut, insbesondere angesichts der strategischen Lage des Jemen, der an einer wichtigen Schifffahrtsroute liegt?

Die Position der jemenitischen Regierung

Generell hofft die international anerkannte Regierung des Jemen auf eine „stärkere Rolle Russlands“ im Land, um die Huthis unter Druck zu setzen, sich am Prozess einer Friedensregelung zu beteiligen. Diese Hoffnungen beruhen nicht zuletzt auf den engen Beziehungen zwischen Moskau und Teheran, da letzteres der wichtigste Unterstützer der jemenitischen Milizen ist.

Im vergangenen Mai erklärte der jemenitische Außenminister Ahmed Awad bin Mubarak nach Gesprächen mit seinem Amtskollegen Sergej Lawrow in der südrussischen Stadt Sotschi:

„Wir in der jemenitischen Regierung sehen die Rolle Russlands bei der Befriedung des Jemen als sehr wichtig an. Wir verlassen uns auf Russlands globales Gewicht, auf sein Wissen über unser Land und unsere Region sowie auf die historischen Beziehungen, die uns zusammenbringen, um eine Rolle bei der Lösung der Krise im Jemen zu spielen.“

Lawrow antwortete damals, dass Russland zutiefst besorgt über die Situation im Jemen sei, der von einem Bürgerkrieg zerrissen ist. Moskau stehe „in Kontakt mit allen am Konflikt beteiligten Parteien“, sagte Lawrow und bekräftigte die uneingeschränkte Unterstützung Russlands für „die zentrale Rolle der Vereinten Nationen bei der Beilegung des Konflikts im Jemen“.

Die Bemühungen der Vereinten Nationen, den Friedensprozess im Jemen voranzutreiben, konzentrieren sich derzeit auf die Erreichung eines Waffenstillstands, die Beendigung des Huthi-Angriffs auf die ölreiche Stadt Marib, die Aufhebung der Beschränkungen für die Häfen des Gouvernements Hodeidah am Roten Meer und die Öffnung des Flughafens von Sanaa, um die sich verschlechternde humanitäre Lage zu verbessern. Jedoch waren die Verhandlungen bisher nicht erfolgreich.

Der Standpunkt Russlands

Seit Beginn der Krise im Jemen im Jahr 2014 hat Russland versucht, Äquidistanz zu den verschiedenen Parteien zu wahren, unterhält jedoch enge Beziehungen zu Teheran, dem wichtigsten Unterstützer der Huthi-Organisation, die Sanaa kontrolliert.

Trotz dieser engen Beziehungen zu deren Schutzherren hat Russland nach der Ermordung des ehemaligen jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh durch die Huthis im Dezember 2017 seine diplomatische Präsenz in Sanaa ausgesetzt und seine offizielle Vertretung nach Riad verlegt.

Darüber hinaus erklärte Moskau, dass sich die Huthis nach Salehs Tod „radikalisiert“ hätten, dass es aber dennoch weiterhin Beziehungen zu ihnen unterhalte und auch bereit sei, bei Bedarf Treffen mit den Huthis in Russland auszurichten.

Derzeit unterhält Russland gute Beziehungen zu allen Parteien im Jemen: so hat es sowohl offene Kontakte zur anerkannten Regierung und der sie unterstützenden Koalition unter Führung von Saudi-Arabien, sowie zu den Huthi-Milizen und deren Unterstützern in Teheran.

Der britische Independent berichtete kürzlich in seiner arabischen Ausgabe von einer neuen Rolle Moskaus, das versuche, Teheran stärker dazu zu bewegen, seine Huthi-Verbündeten zum Einlenken gegenüber internationalen Friedensforderungen zu bewegen. Einem Bericht des Atlantic Council zufolge besteht die neue Rolle Russlands im Jemen darin, gute Beziehungen zu allen internen und regionalen Parteien zu unterhalten und eine Position einzunehmen, die es dem Land ermöglicht, den Verlauf der Konfliktlösung zu beeinflussen.

Mit anderen Worten, die russische Politik im Jemen unterscheidet sich von ihrer Rolle in Syrien, da Moskau eine Distanz zu den verschiedenen Parteien wahrt, die es ihm ermöglichen soll, eine wichtige Rolle bei der künftigen Beilegung des Konflikts zu spielen – und nach der Krise enge Beziehungen zu den jemenitischen Behörden zu unterhalten.

Schließlich hat Russland ein wachsendes Interesse am Jemen, da es einen Militärstützpunkt am Roten Meer besitzen möchte. Seine Versuche, einen Stützpunkt im sudanesischen Port Sudan zu errichten, sind trotz der Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens im Jahr 2017 in Anwesenheit von Präsident Wladimir Putin und dem ehemaligen sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir gescheitert.

Dass Russland den Jemen als alternativen Standort für einen Stützpunkt am Roten Meer in Betracht zieht, hat historische Wurzeln. Bereits während der Sowjetzeit prüfte Moskau die Möglichkeit, einen Militärstützpunkt auf der jemenitischen Insel Sokotra zu errichten.

Damals beschloss die UdSSR jedoch, den Stützpunkt im Jemen nicht zu errichten, da es im Dahlak-Archipel vor der Küste Eritreas einen ständigen, für die sowjetische Flotte voll ausgestatteten Stützpunkt gab.

Allerdings hat sich die Lage seit damals geändert, da Moskau keinen Stützpunkt mehr in der Region hat, seine Bemühungen um den Bau eines Stützpunktes in Port Sudan ins Stocken geraten sind. Der Jemen wäre also nach wie vor eine perfekte Alternative für die Errichtung eines Stützpunktes, der dem Kreml erheblichen Einfluss in einem der wichtigsten Schifffahrtswege der Welt sichern würde.

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