16. Oktober 2021

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Voluntarismus in der Geschichte – Beispiel Irland

In Diskussionen um eine voluntaristische Gesellschaft kommt fast immer die Frage nach historischen Beispielen. Ist jemals versucht worden, ein Zusammenleben von Menschen ohne Gewaltmonopol zu organisieren? Und wenn ja, warum gibt es das jetzt nicht mehr? Warum hat es nicht funktioniert? Diese Fragen sind natürlich genauso berechtigt wie die Gegenfrage, warum an einem System festgehalten wird, das in der Geschichte noch nicht ein einziges Mal funktioniert hat. Um die Antworten vorwegzunehmen: Ja, es hat solche Versuche gegeben, und sie waren erfolgreich. Es gibt sie heute nicht mehr, weil diesen Gebieten in der Regel durch Eroberung ein anderes, meist monarchistisches System aufgezwungen wurde.

Ein gutes Beispiel für eine historische Gesellschaft, die durchaus als voluntaristisch zu bezeichnen ist, weil sie keine zentrale Gewalt besaß, ist Irland. In Irland herrschte für ca. tausend Jahre eine voluntaristische Gesellschaftsordnung. Sie wurde erst im 18. Jahrhundert durch englische Okkupation beendet. Erwähnenswert dabei ist jedoch, dass die Engländer zuvor sechshundert Jahre lang erfolglos versucht hatten, Irland dauerhaft einzunehmen, weil es keine einheitliche staatliche Organisation gab.

Die Iren verstanden jeden Versuch der Okkupation als Einschränkung ihrer Freiheit und gaben immer nur so lange Ruhe, bis sie die nächste Revolte organisiert hatten. Die Iren haben das englische Rechtssystem immer abgelehnt. Die Gesellschaft des mittelalterlichen Irlands beruhte auf verwandtschaftlichen Beziehungen und nicht auf der Autorität eines Staates. Es gab keine allgemein gültige Gesetzgebung, keine Gerichtsvollzieher, keine Polizei, keine öffentliche Durchsetzung von Gesetzen und keine Spur von staatlich administriertem Recht. Natürlich kam es auch zu Kriminalität und kriegerischen Auseinandersetzungen, jedoch waren die Kriege nicht mehr als allenfalls große Schlägereien, gemessen an den sonst in Europa üblichen Kriegen.

Die Basis des politischen Lebens bildeten die Tuatha. Mitglieder waren freie Landbesitzer und Menschen, die einen Beruf hatten. Ausgeschlossen waren Bettler, Sklaven, Ausländer oder Gesetzlose. Die Meinungsbildung wurde in jährlichen Treffen betrieben, Könige wurden gewählt oder abgewählt, Kriege wurden erklärt oder Frieden geschlossen, Dinge des öffentlichen Interesses wurden diskutiert und nach Lösungen gesucht.

Eine Mitgliedschaft in einem Tuath war nicht verpflichtend, sondern freiwillig. Sie hatte auch nichts mit verwandtschaftlichen Beziehungen zu tun. Verwandte konnten durchaus in verschiedenen Tuatha Mitglied sein oder den Tuath wechseln. Der Tuath ist sozusagen eine freiwillige Verbindung freier Männer, die nach Nutzen streben. In der irischen Geschichte gab es ca. 80 bis 100 Tuatha, von denen jeder von einem gewählten König angeführt wurde. Der Tuath hatte Kultcharakter, und somit war der König auch so etwas wie der oberste Priester.

Die Könige hatten im Wesentlichen nur zwei Aufgaben. Sie leiteten die Zusammenkünfte und waren Sprecher des Tuath gegenüber anderen Tuatha. Es wurde auch von ihnen erwartet, den Tuath in eine Schlacht zu führen. Administrative oder juristische Rechte hatten die Könige nicht, sie unterwarfen sich ebenfalls einem unabhängigen Schlichter, wenn sie selbst in einen Streitfall verwickelt waren. Die Aufgabe der Rechtsprechung hatte die Kaste der Juristen. Diese Juristen gaben das „Gesetz“ mündlich innerhalb ihrer Berufsgruppe weiter. Ab und an erweiterten sie das „Gesetz“, wenn nötig. Es gab viele unterschiedliche Schulen der Juristerei, die miteinander im Wettbewerb standen. Sie waren abhängig von ihrem guten Ruf, hatten also darauf zu achten, dass das Recht, das sie sprachen, auch gerecht war. Die Juristen waren zu allen Zeiten Privatpersonen und in ihren Entscheidungen völlig losgelöst von den Tuatha.

Das Recht wurde durch eine Anklage, eine Verteidigung und ein System von Bürgschaften durchgesetzt. Die Menschen waren miteinander durch eine Reihe von individuellen Beziehungen verbunden, die auch die Verpflichtung beinhalteten, füreinander zu bürgen, dass Fehler behoben, Schulden bezahlt, der Richterspruch akzeptiert und das Gesetz durchgesetzt werden konnte. Das System der Bürgschaften war derart gut entwickelt, dass es keinen Bedarf an einem staatlichen Rechtssystem gab. Es gab verschiedene Arten von Bürgschaften. Beispielsweise garantierte der Bürge mit dem eigenen Vermögen dafür, dass der Schuldner seine Schuld bezahlte. Sollte der Schuldner nicht zahlen und der Bürge ebenfalls nicht in der Lage sein zu zahlen, stellte sich der Bürge als Geisel zur Verfügung, bis die Schuld getilgt war. Es wurde kein Unterschied gemacht zwischen Delikten gegen Personen oder Eigentum. Der Kriminelle war immer Schuldner und hatte Restitution zu leisten. Der Geschädigte war immer Gläubiger und hatte Anspruch auf Wiedergutmachung.

Auch die Chancengleichheit zwischen Arm und Reich wurde berücksichtigt. Sollte ein armer Mann Schwierigkeiten haben, einen reichen und mächtigen Mann dazu zu bewegen, sich einem Gerichtsverfahren auszusetzen, hatte der Arme die Möglichkeit, bis zu drei Tage vor der Tür des Reichen zu lagern und zu fasten. Der Reiche musste diese Zeit über auch fasten. Sollte der Reiche das Fasten abbrechen oder sich nach diesen drei Tagen nicht bereit erklären, sich einem Gericht zu stellen, war er entehrt und hatte zukünftig kaum noch eine Möglichkeit, selbst ein Gericht anzurufen. Die schlimmste Strafe war der Ausschluss aus der Gesellschaft (Ostrakismus). Nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein und ohne Hilfe anderer leben zu müssen, war eine schreckliche Vorstellung.

Während dieser tausendjährigen voluntaristischen Phase der irischen Geschichte wurden auch niemals Münzen geprägt. Die Iren hatten zwar Zugang zu Gold und Silber, kannten den Tauschwert und nutzten ihn auch, hielten jedoch eine einheitliche Münzprägung für unnötig .Wenn man sich überlegt, dass dieses System tausend Jahre überdauert hat und nur aufgrund externer Ursachen letztlich beendet wurde, zeigt es doch deutlich, dass eine Alternative zu einem Gewaltmonopol möglich ist. Menschen können auch ohne Kollektivismus zusammenleben.

 

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